Karin Hofmann, Geschäftsleiterin Wohnenbern & DOCK8, hat sich nach acht Jahren dazu entschieden, die Geschäftsleitung von Wohnenbern abzugeben und weiterzuziehen: sie wird ab August 2026 die Leitung des Gesundheitsdiensts der Stadt Bern übernehmen. Ueli Schärer wird nach ebenfalls acht Jahren als Leiter Hauswartschaft Ende Jahr in Pension gehen.

Karin und Ueli, wie seid ihr zu Wohnenbern gekommen?
Ueli: Karin meldete sich bei der IV-Stelle Kanton Bern, weil sie einen Hauswart suchte. Nach einem Hirnschlag als Berufschauffeur und Umschulung zum Hauswart stellte sie mich 2018 bei Wohnenbern an - nach 166 erfolglosen Bewerbungen.
Karin: Nach der Geburt meiner Tochter 2012 entschied ich mich, meinen «Lebensjob» beim IKRK zu verlassen und nahm beim SRK Kanton Bern und dann bei der IV-Stelle Kanton Bern eine Anstellung an. Ich wollte aber zurück in eine Geschäftsleitungsstelle und bewarb mich deshalb 2018 bei Wohnenbern als Geschäftsleiterin.
Habt ihr es jemals bereut?
Ueli: Nein, nie. Aber ich musste mich zuerst an meine neue Arbeit gewöhnen, vor allem an die Menschen, die bei Wohnenbern wohnen. Ich verstand am Anfang nicht, wieso sie nicht besser zu sich schauen, die Hygiene ihres Körpers und ihrer Wohnungen vernachlässigen und sich so gehen lassen. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass sie nicht anders können wegen ihrer Sucht oder ihrer psychischen Krankheit. Heute habe ich Verständnis für ihre Situation.
Karin: Nein, nie! Es war genau die Aufgabe, die ich suchte. Ich hatte nach dem herausfordernden und spannenden IKRK Angst, keine vergleichbare, sinnbringende und anspruchsvolle Arbeit mehr zu finden. Wohnenbern hat mich zum Glück eines Besseren belehrt!

Was konntet ihr bewirken und worauf seid ihr besonders stolz?
Ueli: Durch unsere Arbeit konnten wir den Hygienestandard in den Gebäuden deutlich erhöhen. Als ich bei Wohnenbern begonnen habe, war ich der einzige Hauswart. Heute sind wir vier. Zudem machen wir fast alle Reparaturen selbst. Stolz bin ich auch darauf, dass wir uns vergrössert haben und neue Häuser übernehmen konnten.
Karin: Mit der grossen Unterstützung des gesamten Teams und des Vorstands konnten wir zuallererst die Strukturen und Prozesse von Wohnenbern aufbauen, dann der Aufbau der neuen Geschäftsstelle und des inklusiven Gastronomiebetriebs mit Kultur- und Beratungsangebot DOCK8 in der Siedlung Holliger erreichen. Letzteres ist sicherlich ein Herzensprojekt: eine inklusive Stadt Bern, in der sich die Menschen wohlfühlen, liegt mir sehr am Herzen. Die Inklusion der FrauenWG in das Angebot von Wohnenbern und die Akquise von qualitativ hochstehenden Wohnangeboten für unsere Kund*innen an der Bahnstrasse, Weberstrasse, Bühlstrasse, am Moritzweg und Murifeldweg ebenso. Unser Angebot ist stark gewachsen, hat sich qualitativ stetig verbessert und geniesst einen guten Ruf. Darauf bin ich stolz. Am wichtigsten war mir aber nebst der Qualität des Angebots immer, dass die Sicherheit und die Zufriedenheit der Kund*innen und des Teams gewährleistet ist.
Was war das schönste Erlebnis bei Wohnenbern?
Ueli: Ein jüngerer Kunde im W12 schien auf dem Tiefpunkt seines Lebens angelangt und sagte zu mir im Büro: ‘Ich habe die Nase voll, ich will von der Sucht weg!’ Zwei oder drei Jahre später stand ich ihm plötzlich gegenüber: er war gut angezogen und rasiert und hatte zugenommen. Er hatte es geschafft, von den Drogen loszukommen. Das hat mich sehr beeindruckt.
Karin: Es gab so viele schöne Erlebnisse in all den Jahren… Mich beeindrucken die täglichen Begegnungen mit Kund*innen und Mitarbeitenden immer wieder aufs Neue. Das riesige und unermüdliche Engagement des Teams unter schwierigsten Bedingungen zum Beispiel oder die enorme Resilienz unserer Kund*innen. Dass wir ein kleines Bisschen dazu beitragen können, dass es jemandem besser geht, dass jemand gesund, zufrieden oder sogar glücklich ist, lässt mich dankbar sein.
Und das schwierigste?
Ueli: Wenn es zu Todesfällen von Kunden und Kundinnen kam. Manchmal hat es mich traurig gemacht, dass Angehörige erst vorbeikamen, wenn jemand nicht mehr da war. Vorher habe ich nie jemanden gesehen. Viele unserer Kund*innen sind mutterseelenallein, aus welchen Gründen auch immer.
Karin: Es gab immer mal wieder schwierige Situationen, das gehört in einem krisenanfälligen Tagesgeschäft und in meiner Position als Geschäftsleiterin – oder im Leben allgemein – dazu. Aber für mich ist das Glas immer halbvoll und ich versuche stets, mich nicht zu lange mit schwierigen Dingen aufzuhalten und weiterzugehen. Das Positive überwiegt bei Weitem.

Was braucht es, um eure Arbeit gut zu machen?
Ueli: Eine dicke Haut und die Fähigkeit, nichts in sich Hineinzufressen - dass man das, was man tagtäglich erlebt, nicht mit nach Hause nimmt. Dazu braucht es auch Vorsicht bei der Arbeit, zum Beispiel wegen herumliegender Spritzen. Manche sind dankbar dafür, dass wir täglich reinigen, andere tragen keine Sorgfalt und man muss mit der Arbeit immer wieder von vorne anfangen. Man braucht auch viel Flexibilität und etwas praktische Begabung, Geduld und Verständnis für die Lebenslage der Kund*innen.
Karin: Aus meiner Sicht bilden Menschlichkeit, Empathie und Authentizität die Grundlage jeder Führungsrolle. Mein Anspruch war es stets, die Zufriedenheit und Gesundheit der Mitarbeitenden ebenso im Blick zu behalten wie Qualität, Zielerreichung, Fairness und Sicherheit im Betrieb – auch wenn diese Anforderungen in einem Spannungsfeld miteinander stehen.
Was hat euch zum Abschied bewegt?
Ueli: Meine Pension!
Karin: der Entscheid zu gehen nach acht unglaublich bereichernden, intensiven und lehrreichen Jahren als Geschäftsführerin von Wohnenbern und der DOCK8 ist mir überhaupt nicht leichtgefallen. Die Arbeit war jeden Tag spannend und sinnvoll und hat mich ausgefüllt. Wir haben als Team vieles erreicht, worauf ich stolz bin - und trotzdem habe ich im letzten Jahr immer deutlicher gespürt, dass es sowohl mir wie auch dem Verein guttun würde, frischen Wind in die Segel zu erhalten.
Wie sieht eure Zukunft aus?
Ueli: Ich werde den inneren Wecker neu stellen müssen und freue mich darauf, am Morgen länger schlafen zu können. Ebenso freue ich mich, mehr Zeit für meine Hobbies wie das Fischen, Holzschnitzen und Campen am Bielersee zu haben. Und ich möchte vermehrt an Grossanlässen wie dem Eidgenössischen Schwingfest kochen.
Karin: Von Mitte Juni bis Ende Juli habe ich Ferien und möchte in dieser Zeit mein drittes Buch überarbeiten. Am 3. August starte ich als Leiterin des Gesundheitsdiensts der Stadt Bern. Darauf freue ich mich sehr!
Werdet ihr Wohnenbern vermissen?
Ueli: Ja. Vermissen werde ich in erster Linie das Hauswartteam, manche Kundinnen und Kunden, das gesamte Team. Ich werde die Chance, die mir Wohnenbern mit der Anstellung gegeben hat, nie vergessen.
Karin: Klar! Vor allem all die wohlwollenden, offenen und wertschätzenden Momente mit den Teammitgliedern und die Begegnungen mit unseren Kund*innen und Gästen.
Was wünscht ihr euren Kolleg*innen?
Ueli: Vor allem gute Gesundheit, das ist etwas vom Wichtigsten. Dazu viel Geduld, Durchsetzungsvermögen und Glück!
Karin: Das hat Ueli schön gesagt – dem schliesse ich mich gerne an. Ich wünsche ihnen, dass sie jeden Abend auf das, was Wohnenbern täglich leistet, mit Stolz zurückblicken und zufrieden nach Hause gehen.
Bleibt ihr beide in Kontakt?
Ueli: Ich hoffe schwer, dass wir uns ab und zu voneinander hören!
Karin: Natürlich, die acht Jahre bei Wohnenbern haben uns zusammengeschweisst. Nicht nur uns beide. Was wir als Team bei Wohnenbern erleben, verbindet.
